Grillonen unterwegs…
Am 12. November 2025 besuchte der Q1-Türkischkurs mit 18 Schüler:innen und zwei Lehrpersonen die eindrucksvolle Lesung und Gesprächsrunde „Unser Schmerz ist unsere Kraft. Neonazis haben unsere Väter ermordet.“ Die Veranstaltung wurde vom Literaturdistrikt organisiert und wir möchten an dieser Stelle unseren aufrichtigen Dank an Fatma und Semra Uzun aussprechen – nicht nur für die Gestaltung dieser wichtigen Begegnung, sondern auch für die großzügig zur Verfügung gestellten Freikarten.

Zu Beginn wurden wir als Gruppe der Grillonen besonders begrüßt – eine liebevolle Geste, die gerade deshalb bedeutungsvoll war, weil sie die Bereitschaft unserer Schüler:innen würdigte, als junge Menschen aktiv und bewusst mit Themen wie Rassismus, rechter Gewalt und Erinnerungskultur auseinanderzusetzen.
Im Mittelpunkt des Abends stand Gamze Kubaşık, die Tochter von Mehmet Kubaşık, der 2006 vom sogenannten NSU ermordet wurde. Schon nach wenigen Minuten erfüllte ihre Stimme den Raum mit einer Mischung aus Schmerz, Klarheit und mutiger Offenheit. Sie erzählte von den Jahren nach dem Mord an ihrem Vater – Jahre, die eigentlich von Trauer geprägt hätten sein sollen, stattdessen aber von Misstrauen, Anschuldigungen und ständigen Polizeibefragungen bestimmt waren.

Gamze berichtete davon, wie die Polizei Woche für Woche auftauchte, wie ihrer Familie Dinge unterstellt wurden, und wie Zeugenaussagen, die auf rechten Terror hinwiesen, ignoriert wurden. Nicht nur der Vater wurde zum Opfer – auch die Familie wurde durch Verdächtigungen und falsche Annahmen sozial ausgegrenzt. Die Befragungen beschädigten ihren Ruf, ihre Würde und ihre Sicherheit.
Es war schwer auszuhalten, Gamze zuzuhören, wenn sie beschrieb, wie einsam diese Zeit für sie war. Wie es sich anfühlte, wenn niemand ihnen glaubte. Wie sehr der Staat sie im Stich ließ. Und wie erst das Selbstenttarnen des NSU Jahre später die Wahrheit bestätigte – ohne dass anschließend jemand an ihrer Tür klopfte, um sich zu entschuldigen.
„Ab dem Moment, als der NSU sich selbst offenlegte, kam keine Polizei mehr vorbei“, sagte Gamze. „Keine Entschuldigung. Nichts.“ Dieser Satz blieb im Raum stehen. Schwer. Schmerzhaft. Ehrlich.
Für die Schüler:innen war diese Begegnung mehr als ein Vortrag. Sie war eine eindringliche Mahnung: dass Erinnerung nicht nur rückwärts gerichtet ist, sondern Verantwortung in der Gegenwart bedeutet. Dass Rassismus nicht nur ein Wort ist, sondern ein System, das echte Leben zerstört. Und dass man den Betroffenen zuhören muss, bevor man versteht.
Der Abend endete in Stille – nicht aus Leere, sondern aus Respekt. Wir gingen mit gefüllten Herzen, mit neuen Fragen und einer wachsenden Bereitschaft, uns gegen jede Form von Hass, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit zu positionieren.
Danke, Gamze, für deinen Mut. Danke, Fatma und Semra Uzun, für eure wertvolle Arbeit im #literaturdistrikt. Und danke dafür, dass wir Teil dieses wichtigen Abends sein durften.
Ein Bericht von Hacer Akgün