Übersetzungsworkshop 12.11.25 am Grillo-Gymnasium, Gelsenkirchen im Rahmen des Literaturdistrikt Festivals

Ein Bericht von Sabine Adatepe M.A. (Literaturübersetzerin und
Leiterin des Workshops)

Am 12. November 2025 konnte ich im Rahmen des Programms des Literaturdistrikt Festivals erneut einen Übersetzungsworkshop mit einem Türkisch-Grundkurs der Lehrerin Hacer Akgün durchführen. Im letzten Jahr hatten wir mit der Gruppe von 18 Schüler:innen anhand praktischer Übungen bereits Grundlagen des literarischen Übersetzens erörtert.

Zum Einstieg gab es diesmal eine kleine „Werbeeinheit“ für Gelsenkirchen versus Istanbul. Mit je einem möglichst aussagekräftigen Satz stellten die Schüler:innen ihre Stadt mündlich vor, Gelsenkirchen auf Deutsch, Istanbul auf Türkisch. Vertreter:innen der jeweils anderen Sprachgruppe übersetzten konsekutiv, was gar nicht so einfach war, denn wie etwa übersetzt man „Schmelztiegel“ oder „multikulturelle Vielfalt verbunden mit der Geschichte der Gastarbeiter“ ins Türkische?

Anschließend ging es um Lyrik, konkret um das berühmte Gedicht „Istanbul’u dinliyorum“ von Orhan Veli Kanık. Gleich der Titel wirft Fragen auf: „Ich höre Istanbul“ oder „Ich höre Istanbul zu“? Zunächst lasen die Schüler:innen alle sechs Strophen im Plenum vor, um dann in Partnerarbeit die erste Strophe zu übersetzen. Hier war einiges an Transferleistung gefragt: sich in das Istanbul der 1940-50er Jahre mit zum Teil eigenem Vokabular hineinzuversetzen, Lyrik als Gattung zu erkennen und dafür in der Übersetzung eine adäquate Sprache zu finden. Im zweiten Schritt lasen wir vier vorhandene Übersetzungen der ersten Strophe im Vergleich und diskutierten, welche als gelungen gelten durfte und warum. Zudem besprachen wir die Schwierigkeiten beim eigenen Übersetzen der Verse.

Anhand von drei weiteren Kurzbeispielen arbeiteten wir heraus, welche vor allem sprachstrukturell bedingten Schwierigkeiten sich beim literarischen Übersetzen vom Türkischen ins Deutsche grundsätzlich stellen.

Das Beispiel einer fehlerhaften KI-Übersetzung von Untertiteln eines Fernsehfilms bot Gelegenheit, uns die Arbeitsweise von KI-Bots bewusst zu machen: In einem „çay evi“ (Teehaus) können ja nur Männer sitzen, oder? Im Original erzählten aber Frauen das Gegenteil: Im „Teelager“ (auch so lässt sich „çay evi“ übersetzen) seien nur Frauen anzutreffen! Warum unterlaufen der KI solche Fehler? 

Die Schüler:innen wussten, dass KI aus der Masse möglicher Wortfolgen und Sinnzusammenhänge die jeweils häufigste auswählt, auf diese Weise den Mainstream und darin enthaltene (Gender-)Stereotype verstärkt. Ein Exkurs mit zwei Diagrammen zu Übersetzungen 2024 machte das Ungleichgewicht zwischen dem deutschen und dem türkischen Buchmarkt deutlich: Während in Deutschland nur sehr wenige Übersetzungen aus dem Türkischen auf den Markt kommen, wird in der Türkei recht viel aus dem Deutschen übersetzt. Wir diskutierten die Gründe dafür.

 

Zum Abschluss gab es noch den Vierzeiler „Sokakta Giderken“ von Orhan Veli Kanık mit auf den Weg, in dem der Dichter auf der Straße vor sich hinlächelt, erst recht, wenn die Leute ihn deshalb für verrückt erklären.

Ich war beeindruckt, wie kompetent die Schüler:innen mit beiden Sprachen umgehen, wie bewusst sich sich der Gefahren von KI sind und mit wie viel Motivation und Energie sie bei der Sache waren.